Sunday, December 19, 2004

Winterruhe

So, jetzt ist hier auf dem Campus endgültig die grosse Ruhe eingekehrt. Wenn die Enten hier nicht so laut quaken würden, könnte man meinen, man sei allein auf der Welt. Ausserem frag ich mich ob die hiesigen grauen Kampf-Eichhörnchen eigentlich Winterschlaf machen. Dann wäre mein Leben endlich sicherer. So nämlich wird jeder Einkaufsgang zum Spiessrutenlauf, da sich die Nager in kleinen bis mittelgrossen Banden in räuberischer Absicht zusammenrotten und dem arglosen Shopper nach seiner wohlverdienten Knabber-Nuss-Mischung trachten.

Bei mir geht's ansonsten ja ab morgen wieder auf den Kontinent. Derweil nutzte ich die Zeit zum entrümpeln und für andere Dinge, die ich schon allzu lange aufgeschoben hatte.

Auf der politischen Bühne geht's ja derzeit zur Sache, aber ich spare mir längere Kommentare. Nur ganz kurz =). Klimagipfel in Buenos Aires. Schade, aber von den USA hatte ich auch nicht viel anderes erwartet. Türkei. Holladi. Das war ja spannend. Und Herr Schröder hat auch mitgeredet. Toll. Nach meinem PhD hier werde ich auch EU-Diplomat. Föderalismusreform. Au weia. Aber ich bin ja schon mal erstaunt, dass sie sich überhaupt auf so viel einigen konnten. Respekt. Vielleicht ist Herr Stoiber ja doch gar nicht so -*AUTSCH*- wer war das, verd&$*!? Wie dem auch sei. Vielleicht bin es nur ich, aber Herr Kochs Klagelied über die vom Bund gebrochene "Do ut des."-Regel scheint mir doch ziemlich am Thema vorbei zu sein. Da sind mir Herr Wickerts Einsatz und klare Sprache doch recht sympatisch. Oder auch Herr Carius Kommentar vom Saarländischen Rundfunk.

Insgesamt sehen wir, dass die Politik, zumindest derzeit, auch ohne den Irak-Krieg einen guten Unterhaltungswert hat.

Wednesday, December 15, 2004

Englische Eigenheiten

Ich würde ungern als England „Basher“ gelten und es mag vielleicht alles seinen Sinn haben – nur sehe ich ihn bisher nicht. Die Engländer sind ja sehr stolz auf ihre Exzentrizität. Ich habe ja auch nichts gegen Links und dass sie keine Minute lang reden können ohne einen Witz zu reißen. Doch bei einigen Eigenheiten sehe ich doch Handlungsbedarf. Genau genommen sind es gerade zwei Dinge, die mir auf dem Herzen liegen.

All zu oft stellt sich beim Händewaschen die Frage: Frostbrand oder Verbrühung? Kaum ein schnelles Geschirrspülen ohne Schmerzensschreie. Was ist so begehrenswert daran, zwei temperaturkonstante Wasserhähne zu haben?! In der Verzweiflung arbeitet man an der Perfektionierung des blitzschnellen Schwenkens zwischen den beiden Temperaturextremen. Glücklicherweise wurde zumindest in der Dusche der Bedarf eines Wasserstrahls mit Temperaturen zwischen 10 und 70 Grad erkannt. Ich hoffe in naher Zukunft endlich auch eine dieser genialen drei löchrigen Plastikflaschenkonstruktionen Marke Eigenbau zu ergattern, die von einer Rumänin im ersten Stock vertrieben werden. Passgenaue Löcher ermöglichen das Aufstecken auf die beiden Wasserhähne und Vereinigung der beiden Wasserströme. Das sollte zumindest in der Küche für Abhilfe schaffen.

Zum anderen, der Teppichboden. Gipfel der Gemütlichkeit. Keine Wohnung kann ohne. Selbst der englische Pub bleibt nicht verschont. Dennoch möchte man meinen, dass der gesunde Menschenverstand der kuschelig-pelzigen Wonne letztendlich gewisse Grenzen aufzeigen sollte, etwa bei Bad und Toilette. Weit gefehlt. Kein Bedarf mehr für Badvorleger, wir haben ja Teppichboden. Immerhin ist die Badewanne selbst noch fusselfrei und die Wände muss man auch noch nicht staubsaugen. Mit leichtem Unbehagen sehe ich meiner eigenen Wohnungssuche im nächsten Jahr entgegen. Laminat und Fließen sind wohl mehr ein schöner Traum.

Monday, December 13, 2004

Synkretismuszwang und der heretische Imperativ

Sie diskutierten mal wieder. Auf das Thema hatte ich mich besonders gefreut („Gott ein Nachruf – oder ein Rückruf. Vom Sinn der Religion.“), und wurde auch nicht enttäuscht. In üblicher Manier fasse ich mir hier nun einige Leitgedanken zusammen.

Religion als Mittel zur Selbstrelativierung durch den Rückbezug zum Absoluten. Man gibt zu, dass es etwas „Grosses“, vom menschlichen Geist nicht fassbares gibt, vor dem man neidlos den Hut lüften sollte. Dieses Zugeständnis macht die eigene Perspektive zu einer relativen. Verzichtet etwa ein politisches System auf diesen Bezug, so läuft es Gefahr der Versuchung zu erliegen, sich selbst zum Absolutum zu machen. Als Beispiele drängen sich hier natürlich das dritte Reich oder etwa der Kommunismus auf.

Jenes Verbindungsarrangement mit einem heiligen Ganzen, insbesondere in seiner monotheistischen Prägung, birgt wie bekannt seine eigenen Abgründe. Sieht sich der Gläubige als Werkzeug der guten Allmacht, verliert er dabei die oben erwähnte Selbstrelativierung und die sie begleitende Selbsthemmung.

Im Gegensatz zu Heideggers Lehre vom Nichts bietet sich die Religion als wirksamer Schutz, Angst- und „Paranoiadämpfer“ an. Herr Sl. erhoffte sich von ihr insbesondere eine Ruhe und Gelassenheit stiftende Wirkung, wenn im erweiterten Vollzuge der Globalisierung traditionelle Lebenswelten durcheinander gewirbelt werden. (Nachdem die derzeitige „fundamentalistische Rückzugswelle“ abgeklungen ist…)

Darf man „über“ die Religion reden und sie sich zurechtschneidern? Hier muss der „aus dem Glauben“ sprechende protestieren – zumindest tut er es zumeist. Doch eine nähere Betrachtung legt den Schluss nahe, dass die Heresie (im klassisch griechischen Sinne) eine Grundnotwendigkeit einer jeden religiösen Praxis darstellt, die nicht im Fanatismus enden will. Meiner Erfahrung nach treffen denn auch z.B, die meisten Christen eine Auswahl an Lehren und Grundsätzen, die sie für „richtig“ halten und nehmen sich einen beachtlichen Interpretationsspielraum heraus. Dieser Spielraum war in der Vergangenheit im Christentum ausschließlich Bischofskonzilen und Päpsten vorbehalten.

Und schließlich sieht Herr Sl. den postmodernen Menschen auf den eine Flut von verschiedenen religiösen Lehrsystemen hereinbrechen eben deshalb einem „Synkretismuszwang“ unterworfen, aus dem sich ein „heretischer Imperativ“ ableiten lässt. Die Flucht vor dieser Zumutung, sich sein Weltbild selbst zusammenzuzimmern oder auszusuchen findet man wohl nur in einem Fundamentalismus oder vielleicht einem den Kopf schüttelnden „Augen-zu-und-durch“ – Atheismus. Wobei sich bei Letzterem die Frage stellt, ob die Religion sich hier nicht am Ende als postuliertes „Strukturmoment der menschlichen Psyche“ durch die Hintertür hereinschleicht.

Monday, December 06, 2004

"Sie Drecksau!" und die englische Höflichkeit

Term vobei. Nur noch zwei Prüfungen. Dafuer waren die letzten zwei Wochen recht intensiv. Dennoch genug Zeit zum spinnen. Hier der Gedanke:

Die Attacke aus der Ferne hat eine lange Tradition. Die Erfindung dieser Technik wird sogar als die Wiege der Menschwerdung gehandelt. (Quelle unten ) Bei der Weiterentwicklung dieser aggressiven Fernwirkung haben sich die Deutschen im letzten Jahrhundert in besonderer Weise hervorgetan. Man denke etwa an die "Dicke Berta" oder die V-2 Rakete. Nun wage ich einen zugegebenermassen etwas kuehnen Brueckenschlag mit der These, dass die Deutschen dieses Prinzip auch in der verbalen Kriegsfuehrung kultiviert haben. Hier allerdings muss die Distanz durch das "Sie" unter Umstaenden erst geschaffen werden. So ermoeglicht sich der Deutsche den hemmungslosen verbalen Schlagabtausch aus der Ferne. Und so ein schimpfend-fluchendes Artellerieduell erfuellt ja durchaus einen sinnvollen Zweck im zwischenmenschlichen Umgang.

Wie gehen denn nun die Englaender an die Sache heran. Denn auch sie muessen sich ja auch mal ordentlich anpflaumen. Allerdings fehlt Ihnen in der Regel das distanzschaffende "Sie", dem sich der Deutsche so leichthin bedienen kann. Nun, man muss nicht lange suchen, um dem allgegenwaertigen Geflecht aus Hoeflichkeitsfloskeln zu begegnen, in das die meisten Kommunikations- und Interaktionsvorgaenge eingebettet sind. So ganz geloest scheint mir das Problem bisher allerdings nicht. Vielleicht finde ich ja noch den verbalen Mechanismus, der mir die Uebermittlung eines "Sie bloody bastard!" ermoeglicht.



Quellen:
E. Kirschmann, Die Zeitalter der Werfer - eine neue Sicht des Menschen, 1999; P. Alsberg, Das Menschheitsrätsel, 1922; oder wie üblich die Sphären III, S. 364ff.