Friday, October 29, 2004

Der Untergang

Die Sommerpause ist vorbei und das "Philosphische Quartett" tagt wieder. Und wie immer bin ich dem ZDF sehr dankbar, dass die ganze Sendung über das Internet abrufbar ist. Die letzte Sendung über den Populismus habe ich ja unkommentiert verstreichen lassen. Vielleicht hole ich das in Kürze nach.

Der Untertitel der Sendung, also die Frage: "Großes Kinowerk oder Tabubruch" wurde glücklicherweise nicht debattiert.

Erhellend fand ich die Anregung von Jörg Friedrich ("Der Brand"), den "Untergang" Hitlers als Metapher für die vielen freiwilligen Selbstopferungen in den letzten Wochen des Krieges zu denken. Lieber der Tod als das Leben in Knechtschaft. Sl.: "Suicide by Churchill" als deutsche Variante des amerikanischen "suicide by cop". Fried.: "Der Übermensch ist unbesiegbar, er bezwingt sich höchstens selbst."

Gut gesehen denke ist auch die Analogie zum aktuellen Zeitgeschehen, die Aktualität des Motifs: Überwindung einer aussichtslosen Lage und tiefer Demütigung durch einen suizidalen "Triumphalismus".

Herr Safranski stellte mit Nachdruck fest, daß es bemerkenswert sei, daß der Film vor allem aus einer ästhetischen Perspektive debattiert wird, daß also obige Frage gar nicht mehr gestellt wird. Die verkrampfte Stimmung in jeder öffentlichen Diskussion über das dritte Reich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren ist mir noch deutlich in Erinnerung. Safranski: "Tribunalsierung der Diskussion", "Ringen um den moralischen Mehrwert", manifest in dem häufigen Vorwurf der Verharmlosung oder Nichtbeachtung gewisser Opfergruppen.

Sunday, October 24, 2004

Grüße aus dem Stammhirn

Die menschliche Fähigkeit zu wissenschaftlicher Denkweise finde ich immer wieder bemerkenswert. Insbesondere da sie doch so weit entfernt scheint von dem, wozu wir im Grunde genommen vorprogrammiert sind. Ich bemerke das hier deshalb, weil ich kürzlich wieder einen dieser Momente hatte: Ich folgte aufmerksam einem Vortrag über "molecular drug design". Diagramme, Modelle, chemische Formeln, Kurven, abstrakte Hypothesen. Da machte es plotzlich *Klick* in meinem Kopf, als wäre ich aus irgendetwas aufgewacht. Die Schaubilder waren mit einem mal gänzlich kryptisch, irre und außerdem irrelevant. Ich fragte mich vielmehr, warum ich nicht gerade irgendwo in einem Baum hänge und die nächste Banane anpeile.
Dieses Phänomen musste Chuck Jones bekannt gewesen sein, als er die Planet X Episode von Duck Dodgers im 241/2. Jahrhundert schrieb. Hier erlitt Duck einen ähnlichen Ausfall, nachdem er seinem Coplilot die nicht ganz einfache Route zu Planet X erläutert hatte.



(Bildquelle)

Tuesday, October 19, 2004

Die Vernetzungsfalle und die Rehabilitation der Laberbacke

Die Vernetzungsfalle

Vor einem Monat verwies ich auf ein Buch über Netzwerktheorie von Herrn Barabási. In der Tat liegt es durch aus im Trend sich mit der zwischenmenschlichen Vernetzung in sozialen Milieus zu beschäftigen. Nun aber werden wir gewarnt, uns an Dingen wie den „six degrees of freedom“ zu berauschen. Man mag nicht überrascht sein, wenn Herr Sloterkijk mal wieder seine Finger im Spiel hat =). Die Vorstellung von der Vernetztheit verschiedener punktförmiger, ausdehnungslosen Punkte vernachlässige drastisch den eigenräumigen Charakter, das „schaumige“ am menschlichen Miteinander. Man möge es sich eher als ein Leben in einer "verbundenen Isolation" oder auch "Ko-Isolation" denken. (p.257)

Noch ein Wort zur Aufrechterhaltung dieses „Eigenraumes“:

Die Rehabilitation der Laberbacke

Die Einrichtung eines solchen Eigenraumes ist ein kreativer Prozess. Und dem Reden mag dabei eine Raum schaffende Qualität zukommen. Wir sprechen dabei weniger von einer pragmatisch zweckgebundenen Kommunikation, als vielmehr von einem kreativen, frivolen Phantasieren oder „drauflos Spinnen“. Der tägliche small talk lässt sich als ein „konstitutives An-der-Realität-Vorbei-Reden“ (Sl. S.259) deuten. Um nun noch die Kurve zum Titel zu kriegen: Es ist bekannt, dass engagierte Vielredner, auch wenn es dem Gesagten an Substanz mangeln mag, häufig als gute Gesellschafter gelten. Im Lichte obiger Gedanken wäre dies also darauf zurückzuführen, dass mit jenen „Sprechblasen“ gleichsam soziale „Mini-Räume“ aufgespannt werden, in denen man es sich gerne bequem macht.

Monday, October 18, 2004

"Dryest day of the week."

Und das bekommt man am Montag morgen gesagt. Eine Wetterkarte grau in grau. Versteckt und ganz klein sind nach langem suche zwei Sonnensymbölchen zu entdecken. Die Performance der BBC Wetterperson ist eine wahre Freude. Ich habe irgendwann mal gehört, daß Eskimos an die zweihundert Wörter für "Schnee" haben. Und die Nordsee ist heute "breezy". =)
Mittlerweile denke ich, daß der schwarze englische Humor nicht von ungefähr kommt.

Sunday, October 10, 2004

Kill Bill Vol. 2

Jetzt hab ich ihn auch endlich gesehen. Und bin hoch erfreut. Einer von den Filmen, die ich mir gerne noch einmal ansehen werde. Denn ich muss sagen ich war durchweg mitgerissen. Dabei gab es genug augenzwinkernde und selbstironische Momente.

Apropos martial arts. Ich bin dieser Tager der Versuchung erlegen und (wie unten angedeutet) nun Mitglied in der "Wing Tsun Society". Die Leute sind alle lieb und nett, und man kommt auch ohne weiße Kittel und Gürtel aus. Beim gucken der Videos kann einem allerdings schon etwas nachdenklich werden.

Über das Entdecken

Hier ist ein Gedankengang über den ich schon mehrmals gestolpert bin, und nun kürzlich wieder in den SphärenIII um die Seiten 220. Es geht um die Frage, wo sich das Entdeckte befand, bevor es entdeckt wurde. Wie ich las wähnte Kolumbus den Kontinent Amerika zuvor im Geiste Gottes. Und aus der Schule kenne ich auch noch die mit einem schelmischen Grinsen vorgetragene provokante Frage, ob den ein fallender Baum auch dann ein Geräusch mache, wenn keiner da ist, um es zu hören. Dahinter steckt das konstruktivistische Postulat, daß die Existenz eines Objektes ganz und gar von der Beachtung abhängig ist, die ihm ein intelligenter Beobachter schenkt.

All dies war nie recht überzeugend und blieb nicht mehr als ein Gedankenspiel. Um so einfacher ist man versucht, der folgenden These zuzustimmen. Daß das Entdeckte, Erfundene oder aus dem Verborgenen Entborgene Objekt gänzlich unabhängig von seinem Entdecker oder dem Entdeckungsprozess sei und nur durch sich selbst existierte und existiert.
Das Entdecken vollzieht sich also tatsächlich einfach als des Entfernen eines Schleiers, der das Objekt vor dem Blick der Wissenschaft verbarg.


Ich möchte mal meinen, daß letztere These dem allgemeinen Konsens entspricht.

Doch lese ich, daß die Herren Latour und Heidegger sich hier ein drittes, subtileres Verständnis des Entbergungsprozesses herausnehmen.

Wenn ich es recht verstehe betont Latour die aktive und kreative Rolle des Entdeckers, der vorhandene Objekt erst als eigenständige und abgegrenzte Entität schafft und diese dann in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext einordnet.

Das scheint mir plausibel, wenn ich (bei mir ist die Biochemie ja wieder hochaktuell) an den Citirc acid cycle denke. Selbstredend fanden die Reaktionen auch vor seiner „Entdeckung“ statt. Aus jenem intrazellulärem hochvernetzten Reaktionswirrwar allerdings einen solchen „Zyklus“ als besonderes und eigenständiges Objekt herauszustellen, hat durchaus kreative Qualitäten.

Heidegger hingegen hat vor allem Probleme im dem invasiven Impetus moderner Wissenschaften und Techniken, die der Natur ihr verborgenes Wissen entreißen. Der natürlichere Entdeckungsprozess wäre in diesem Sinne ein behutsames Entfalten von Zusammenhängen die sich in Form von Problemen von selbst anbieten. Das Bedeutsame ist hier also, dass die Natur in gewisser Weise mitbestimmt, was sie preisgeben will – „die Natur gibt sich selbst zu verstehen, sie erteilt Winke“ (S. 223). Jenes Wissen also, dass im Rahmen moderner Forschung emporgehoben wurde, ohne dass es vorher „gewinkt“ hätte =), wäre nun ein entfremdetes Wissen, zu dem man nur einen künstlichen Zugang hat. Es fällt das mir eingängige Schlagwort vom „Neonlichtwissen“.

Alles sehr interessant, und ich mache nun weiter mit Wing Tsun und schaue, ob mir da vielleicht heute etwas winkt.

Tuesday, October 05, 2004

Die Mathe hat mich wieder...

Ein haeufiger Grund fuer spontanes Lachen ist die Begegnung mit Dingen, die einem Sorge, Angst oder zumindest grosse Muehen bereiteten - sofern man all die damit verknuepften Unanehmlichkeiten entweder hinter sich gelassen, oder zumindest fuer den Augenblick ignorieren kann.

Eine erste denkwuerdige Begegnung mit diesem Lachen im mathematischen Umfeld hatte ich waehrend einer Uebungsgruppe in meinen ersten Studiensemestern, als der Uebungsleiter mitten im Erklaeren in ein spontanes, offenbar schwer unterdrueckbares Lachen verfiel. Auf die Frage, was den um Himmels willen an diesem Theorem so komisch sei, wiegelte er schnell ab und machte eilig weiter.

Am heutigen Tage war ich es, der auf aehnliche Weise unangenehm auffiel, als waehrend dem Biomathekurs - der Geist der Zuhoerer war schon arg gebeutelt - sich jemand durch die Frage "How do you then define the exponential function of a matrix?" ein wenig Erleuchtung erhoffte, und der lecturer diese Hoffnung durch eine allzu praezise Antwort zerschmetterte.

Ich muss allerdings sagen, dass mir das nicht zum ersten Mal passiert ist. Es bricht meist gerade dann heraus, wenn der oder die Gegenueber sich in einem Zustand fortgeschrittener Verwirrung befinden. Diese angestrengten und leicht verzweifelten Raetselgesichter erscheinen wohl deshalb so komisch, weil sie einen so sehr an einen selbst erinnern.

Saturday, October 02, 2004

Saunagespräche

Ein Saunagang hier ist eine besondere Erfahrung. Man war sich einig, diese Sauna stünde "on its last leg". Allerdings, solang man das Thermostat mit genug kaltem Wasser bearbeitet, lässt sich der Temperaturverlust aufgrund der undichten Tür hinreichend durch die hörere Ofenleistung ausgleichen.
Diese Feststellungen ermunterten einen Deutschlandgereisten Engländer dazu, allgemeine Thesen über deutsch-englische Mentalitätsunterschiede aufzustellen. "Germans are not afraid to spend money, if that is needed to get the job properly done." (Bsp. z.B. Münchener U-Bahn oder Flughafen). Gelegentliche Einsparungsvorschläge während seiner Arbeit in der deutschen Industrie in dem Sinne "We could save some money here. - No it won't really do the job, but it will still 'sort of' do the job." hätten ihm lediglich "blank looks" eingebracht. Die Engländer hingegen seien da etwas pragmatischer, wie eben diese Sauna zeige...