Synkretismuszwang und der heretische Imperativ
Religion als Mittel zur Selbstrelativierung durch den Rückbezug zum Absoluten. Man gibt zu, dass es etwas „Grosses“, vom menschlichen Geist nicht fassbares gibt, vor dem man neidlos den Hut lüften sollte. Dieses Zugeständnis macht die eigene Perspektive zu einer relativen. Verzichtet etwa ein politisches System auf diesen Bezug, so läuft es Gefahr der Versuchung zu erliegen, sich selbst zum Absolutum zu machen. Als Beispiele drängen sich hier natürlich das dritte Reich oder etwa der Kommunismus auf.
Jenes Verbindungsarrangement mit einem heiligen Ganzen, insbesondere in seiner monotheistischen Prägung, birgt wie bekannt seine eigenen Abgründe. Sieht sich der Gläubige als Werkzeug der guten Allmacht, verliert er dabei die oben erwähnte Selbstrelativierung und die sie begleitende Selbsthemmung.
Im Gegensatz zu Heideggers Lehre vom Nichts bietet sich die Religion als wirksamer Schutz, Angst- und „Paranoiadämpfer“ an. Herr Sl. erhoffte sich von ihr insbesondere eine Ruhe und Gelassenheit stiftende Wirkung, wenn im erweiterten Vollzuge der Globalisierung traditionelle Lebenswelten durcheinander gewirbelt werden. (Nachdem die derzeitige „fundamentalistische Rückzugswelle“ abgeklungen ist…)
Darf man „über“ die Religion reden und sie sich zurechtschneidern? Hier muss der „aus dem Glauben“ sprechende protestieren – zumindest tut er es zumeist. Doch eine nähere Betrachtung legt den Schluss nahe, dass die Heresie (im klassisch griechischen Sinne) eine Grundnotwendigkeit einer jeden religiösen Praxis darstellt, die nicht im Fanatismus enden will. Meiner Erfahrung nach treffen denn auch z.B, die meisten Christen eine Auswahl an Lehren und Grundsätzen, die sie für „richtig“ halten und nehmen sich einen beachtlichen Interpretationsspielraum heraus. Dieser Spielraum war in der Vergangenheit im Christentum ausschließlich Bischofskonzilen und Päpsten vorbehalten.
Und schließlich sieht Herr Sl. den postmodernen Menschen auf den eine Flut von verschiedenen religiösen Lehrsystemen hereinbrechen eben deshalb einem „Synkretismuszwang“ unterworfen, aus dem sich ein „heretischer Imperativ“ ableiten lässt. Die Flucht vor dieser Zumutung, sich sein Weltbild selbst zusammenzuzimmern oder auszusuchen findet man wohl nur in einem Fundamentalismus oder vielleicht einem den Kopf schüttelnden „Augen-zu-und-durch“ – Atheismus. Wobei sich bei Letzterem die Frage stellt, ob die Religion sich hier nicht am Ende als postuliertes „Strukturmoment der menschlichen Psyche“ durch die Hintertür hereinschleicht.

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