Sunday, October 10, 2004

Über das Entdecken

Hier ist ein Gedankengang über den ich schon mehrmals gestolpert bin, und nun kürzlich wieder in den SphärenIII um die Seiten 220. Es geht um die Frage, wo sich das Entdeckte befand, bevor es entdeckt wurde. Wie ich las wähnte Kolumbus den Kontinent Amerika zuvor im Geiste Gottes. Und aus der Schule kenne ich auch noch die mit einem schelmischen Grinsen vorgetragene provokante Frage, ob den ein fallender Baum auch dann ein Geräusch mache, wenn keiner da ist, um es zu hören. Dahinter steckt das konstruktivistische Postulat, daß die Existenz eines Objektes ganz und gar von der Beachtung abhängig ist, die ihm ein intelligenter Beobachter schenkt.

All dies war nie recht überzeugend und blieb nicht mehr als ein Gedankenspiel. Um so einfacher ist man versucht, der folgenden These zuzustimmen. Daß das Entdeckte, Erfundene oder aus dem Verborgenen Entborgene Objekt gänzlich unabhängig von seinem Entdecker oder dem Entdeckungsprozess sei und nur durch sich selbst existierte und existiert.
Das Entdecken vollzieht sich also tatsächlich einfach als des Entfernen eines Schleiers, der das Objekt vor dem Blick der Wissenschaft verbarg.


Ich möchte mal meinen, daß letztere These dem allgemeinen Konsens entspricht.

Doch lese ich, daß die Herren Latour und Heidegger sich hier ein drittes, subtileres Verständnis des Entbergungsprozesses herausnehmen.

Wenn ich es recht verstehe betont Latour die aktive und kreative Rolle des Entdeckers, der vorhandene Objekt erst als eigenständige und abgegrenzte Entität schafft und diese dann in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext einordnet.

Das scheint mir plausibel, wenn ich (bei mir ist die Biochemie ja wieder hochaktuell) an den Citirc acid cycle denke. Selbstredend fanden die Reaktionen auch vor seiner „Entdeckung“ statt. Aus jenem intrazellulärem hochvernetzten Reaktionswirrwar allerdings einen solchen „Zyklus“ als besonderes und eigenständiges Objekt herauszustellen, hat durchaus kreative Qualitäten.

Heidegger hingegen hat vor allem Probleme im dem invasiven Impetus moderner Wissenschaften und Techniken, die der Natur ihr verborgenes Wissen entreißen. Der natürlichere Entdeckungsprozess wäre in diesem Sinne ein behutsames Entfalten von Zusammenhängen die sich in Form von Problemen von selbst anbieten. Das Bedeutsame ist hier also, dass die Natur in gewisser Weise mitbestimmt, was sie preisgeben will – „die Natur gibt sich selbst zu verstehen, sie erteilt Winke“ (S. 223). Jenes Wissen also, dass im Rahmen moderner Forschung emporgehoben wurde, ohne dass es vorher „gewinkt“ hätte =), wäre nun ein entfremdetes Wissen, zu dem man nur einen künstlichen Zugang hat. Es fällt das mir eingängige Schlagwort vom „Neonlichtwissen“.

Alles sehr interessant, und ich mache nun weiter mit Wing Tsun und schaue, ob mir da vielleicht heute etwas winkt.

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